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von Dr. Bernhard Mäulen I Einleitung
Der
Arztberuf ist sei jeher attraktiv für Hochstapler: der Nimbus des Halbgotts
in Weiß befriedigt narzisstische Motive, der zu erwartende Gewinn an Staus
und Ansehen ist erheblich. So haben sich in Vergangenheit und Gegenwart immer
wieder Männer und Frauen gefunden, die mit geringer oder nonexistenter medizinischer
Vorbildung gepaart mit frechem Wagemut, Patienten und Kollegen etwas vorgemacht
haben. Einige sind in der Öffentlichkeit sehr bekannt geworden, andere haben
stillere "Formen des Abgangs" vorgezogen. Fast immer hatten Hochstapler
ein Medienecho, bei dem Staunen, Neid, Bewunderung überwog und das Rechtsgefühl
"hier muß hart durchgegriffen werden" einen kleineren Anteil hatte,
z.T. unter erheblicher Missachtung angerichteten Schadens für Dritte. Sehr
beachtenswert sind die Auswirkungen von Hochstaplern auf uns Ärzte. Sie stellen
manches in Frage, was wir als selbstverständlich anzunehmen geneigt sind.
Sie demaskieren die mit ihnen befassten Vorgesetzten und teilweise auch Kollegen
schmerzlich, noch schlimmer- sie halten den ehrlich approbierten Medizinern einen
Spiegel vor, in den hinein zu schauen sich der "aufrechte Medicus" wehrt.
Insbesondere die bei Patienten besonders erfolgreichen Hochstapler-Ärzte
werfen ja die Frage auf, ob soziale Geschicklichkeit am Ende gar wichtiger für
eine Medizinerkarriere ist, als solides medizinisches Wissen und Können.
Interessant sind Aspekte aus der Behandlung von solchen approbierten Ärzten,
die sich subjektiv als "Hochstapler fühlen". Ein klinisches Phänomen,
das immerhin so häufig ist, dass es als Teil der Ärztegesundheit einen
eigene diagnostische Einordnung und Benennung bekam. Nicht zuletzt gibt es
Hochstapelei ja auch in patientenfernen Bereichen der Medizin. Wir werden ausführen,
inwiefern die Gesundheitspolitik der vergangenen Jahre deutliche Züge von
Hochstapelei trägt- ein ebenso faszinierender wie erschreckender Gedanke.
Schlußendlich wird es um die Frage gehen, wie sich Ärzte, Krankenhäuser
und Politiker vor Hochstaplern schützen können, und was dazu in verschiedenen
Ländern unternommen wird.
nach
oben II Von Karl May bis Gert Postel - Formen der Hochstapelei So
vielfältig wie die beteiligten Personen, so abwechslungsreich sind auch die
Formen der Hochstapelei. Manche bedienen sich nur gelegentlich ihres ärztlichen
"Alias" etwa zur Überbrückung finanzieller Unpässlichkeit,
so etwa der später berühmte Karl May. Der Schöpfer von Winnetou
gab sich im Sommer 1864 mit 22 Jahren als Augenarzt mit dem ausgefallenen Namen
Dr. Heilig aus und ließ sich obwohl völlig mittellos vom Schneider
standesgemäß einkleiden. Später wurde er für diese und drei
weitere Taten zu vier Jahren und einem Monat Arbeitshaus verurteilt.(Roxin) Für
viele Hochstapler ist der Arztberuf nur einer von mehreren falschen Berufen und
Titeln, mit denen sie sich schmücken: so etwa für den falschen "Fürst
zu Sayn-Wittgenstein zu Berleburg", der im Jahre 2005 monatelang die feine
Düsseldorfer Gesellschaft narrte. Der verurteilte Urkundenfälscher hatte
sich mal als Polizist, mal als Arzt ausgegeben, letztlich aber als falsche "Hoheit"
in Nobelhotels residiert. Ganz anders dagegen der 59 jährige Friseur,
der fast 20 Jahre als falscher Arzt in Oberbayern praktizierte. Nachdem er sich
mit gefälschten Dokumenten eine Approbation erschlichen hatte, war er Assistenzarzt,
Kassenarzt, Badearzt, später Chefarzt einer Kinder-Rehaklinik tätig.
(Psychotherapie vom 8.10.2001). Nachdem sein Schwindel aufflog - immerhin nach
20 Jahren quasi ärztlicher Tätigkeit!) wurde er vom LG Traunstein zu
drei Jahren Haft verurteilt. Mehrjähriges praktizieren falscher Ärzte
ist keine Seltenheit, nimmt doch die Wahrscheinlichkeit entdeckt zu werden, im
Laufe der Zeit immer mehr ab, weil alle einen für den akzeptieren, den sie
schon so lange als den Dr. kennen. In einer Analyse von 47 Hochstaplern hatten
mindestens 22 ihre Praxis für mehr als ein Jahr ausgeübt. ( Derbyshire,
Robert (1980) the Health Robbers). Ein besonders hartnäckiger Betrüger
hatte sich in den USA trotz mehrfacher Verurteilung immer wieder in einem anderen
Bundesstaat niedergelassen, und so fast 30 Jahr diverse Arztpositionen inne gehabt.
Auch in der Geschichte gibt es mehrere Fälle von Hochstapelei- so leitete
der Hochstapler Fickel 1836 als leitender Arzt das erste homöopathische Krankenhaus
zu Dresden, auch um die Homöopathie ad absurdum zu führen (Heinz Eppich:
Geschichte der deutschen Homöopathischen Krankenhäuser. Haug Verlag
1995). Hierzulande besonders bekannt wurde Gert Postel, der ebenfalls mehrer
falsche Identitäten hatte ( ua.a falscher Seminarist, Jurist etc) aber mit
gefälschten Papieren jahrelang als Oberarzt in Sachsen praktizierte. Nach
seiner Enttarnung stellte sich heraus, dass man ihn sogar nachdrücklich aufgefordert
hatte, sich als Chefarzt zu bewerben. ( Postel, Doktorspiele). Während
es bei Postel vermutlich Geltungsdrang und finanzielle Motive waren, lagen bei
anderen Fällen sexuelle Motive vor. Mal hatte sich ein 60 jähriger pensionierter
Lehrer als Gynäkologe ausgegeben, führte intime Untersuchungen durch
und filmte das ganze noch mit versteckter Kamera, mal ein vorbestrafter Sexualstraftäter
in 2005 als angeblicher Arzt im Landkreis Anhalt/Herbst sexuell getönte Einstellungsuntersuchungen
bei Jugendlichen unternommen. ( Recherchieren Diez-Rudolf K) Durch den Film
Catch me if you can besonders bekannt wurde die Biografie des Hochstaplers Frank
Abagnale. Ohne irgend ein medizinisches Vorwissen wurde er Oberarzt einer Abteilung
für Kinderheilkunde an einem Krankenhaus in Georgia und behielt diese Position
ganze 11 Monate lang. Später nahm er andere falsche Identitäten an etwa
als College Dozent oder als Anwalt. Nicht nur Stellen in Krankhäusern
oder in Praxen nehmen Hochstapler an, auch in staatlichen Posten und im medizinischen
Dienst der Armee können sie mit Bluff und Dreistigkeit bestehen. Eine der
bekanntesten wahren Begebenheiten hierzu ist die Geschichte von Ferdidand Waldo
Demara. Nachdem er mehrere andere falsche Rollen angenommen hatte, konnte er schließlich
auf einem Zerstörer der Canadian Navy während des Koreakrieges arbeiten.
Als solcher führte er zahlreiche Operationen durch, ohne entdeckt zu werden.
Wie bei den meisten Hochstaplern ereignete sich die Enttarnung durch einen Zufall.
Der falsche "Dr. Joseph Cyr" wurde in einer kanadischen Zeitung lobend
von einem Kriegsberichterstatter erwähnt. Als man daraufhin dem Kapitän
des Zerstörers die Botschaft vom "falschen Schiffschirurgen" kabelte,
weigerte sich dieser, ihr zu glauben, zu überzeugt war er von der Identität
des angeblichen Dr. Cyr. Auch diese Ereignisse wurden verfilmt (The great imposter,
1961, mit Toni Curtis.) In den von mir genannten Fällen, haben ausschließlich
Männer als falsche Ärzte gearbeitet. Gibt ea auch Fälle von
weiblicher Hochstapelei in der Medizin? Weitere Beispiele und Formen der Hochstapelei
finden sich unter Tabelle I Fälle von Hochstapelei in der Medizin.
nach
oben Tabelle I Fälle von Hochstapelei in der Medizin
2005
ein sexueller Straftäter untersucht als falscher Arzt Jugendliche in
Sachsen- Anhalt/Zerbst intim 2004 ein 46j, vorbestrafter Mann gibt sich in
Riedlingen als Dr. Pawlik
aus, und gibt vor ein Haus u. ein Flugzeug kaufen zu
wollen. Am Ende stürzte er mit dem Flieger ab; Suizid? 2004 ein 34j Deutscher
wird in Belgien verurteilt, er hatte ein Jahr
lang in einer Hausarztpraxis gearbeitet; 5 J 2003 ein 45j Mann flog
als falscher Chirurg in Rom auf; dort hatte
er seit 1985 umfangreich operiert und war als Experte im TV 2003 ein 54j Mann
narrte als falscher "Herr Professor Colmar" Patienten
im UKE Hamburg und betrog diese um Geldbeträge 2003 ein 37j Mann hatte
über Jahre in Baseler als Suchtspezialist mit
Drogenpatienten gearbeitet und an einer großen Studie mitgewirkt 2002
ein 37j Mann hatte sich als Mediziner der UNI Göttingen ausgegeben
und 23.000€ erschwindelt, 2,5 J 2002 ein 35j Rettungsassistent
arbeitete zwei Jahre als falscher Notarzt
in Erftstadt, er nahm auch Prüfungen ab 2,5 J 2001 ein Friseur
aus Traunstein wird verurteilt, nachdem er 20 Jahre als falscher
Arzt/ Internist praktiziert hat; der
Schaden wird auf über 400.000 € geschätzt 3J 2001 ein abgebrochener
Medizinstudent arbeitete 7,5 Jahre als Assistenz-
und Oberarzt d. Gynäkologie an der TU München 2001 ein Krankenpfleger
aus Göttingen stellt sich als Prof.
Dr. Dr. hc irreführend in der Öffentlichkeit dar 2000 ein 19 jähriger
Mann aus Mittelfranken gibt sich vor laufender Kamera
als Bundeswehrarzt aus und behandelt einen Mann 1999 ein 52j Schweizer belästigt
als falscher Arzt bei vermeintlichen Hausbesuchen
Frauen monatelang im Bereich Basel 1997 Ex Postbote Postel arbeitete von 95
bis 97 als Oberarzt in der Psychiatrie
in Sachsen, vorher war er als Amtsarzt Dr.
Dr. Bartholdy in Flensburg tätig 4 J 1997 Als Prof. Dr. Dr. Rose
hatte ein vermeintlicher Krebsspezialist Patienten
in Baden Baden um über 30.000 € betrogen
nach
oben III Motive der Hochstapler - oder warum
gehen Menschen solche Risiken ein? Liest man die Berichte von Menschen,
die sich als Mediziner ausgaben, ohne eine entsprechende Qualifikation zu haben,
finden sich interessante Motive. An erster Stelle stehen nicht die finanziellen
Motive, obgleich sie auch eine Rolle spielen. Vielmehr geht es zahlreichen Hochstaplern
um die Erfüllung eines u.U. seit der Jugend gehegten Traumes, wie etwa Karl
May. Die Größe und Macht, die dem Arzt eigen war ( und meines Erachtens
heute nur noch in geringerem Umfang besteht) faszinierte manche Menschen schon
lange: im OP stehen, Herr über Leben und Tod sein, das Vertrauen der Menschen
in sehr einzigartiger Weise haben, ja genießen, das kann ein mächtiges
Glücksgefühl, etwas einzigartig Befriedigendes haben, was wir von Zeit
zu Zeit ja auch als reguläre Ärzte erleben dürfen. Freilich, während
der normale Arzt sich dafür lange Jahre abplagen, mühen (und auf dem
Weg dorthin so manches an Verzicht, Ausbeutung zT auch Demütigung ertragen)
muß (Lisson), wollen Hochstapler diese Mühe nicht auf sich nehmen.
Frei nach dem Motto- lieber gleich an die Spitze- geben sie vor jemand zu sein,
der sie nicht sind. Die narzisstische Belohnung soll möglichst kurzfristig
erreichbar sein! Für manche Hochstapler, reicht die Befriedigung Arzt zu
sein nicht aus, sie müssen sich als solche noch hervortun. Mehrere falsche
Ärzte hatten Fortbildungen für Kollegen angeboten, Prüfungen abgenommen,
waren im Fernsehen als Experten aufgetreten, oder als Spezialisten auf Kongressen.
Für den Hochstapler, der in einer Baseler Schwerpunkt Drogenpraxis jahrelang
mitgearbeitet hatte, wurde seine Fortbildungstätigkeit zum Verhängnis,
weil ihn jemand aus dem Ärztepublikum erkannte. Offensichtlich muß
die Spannung immer wieder mal gesteigert werden. Für manche ist zudem das
Spiel der Täuschung, das so tun als ob ein erheblicher Reiz. Wird das Spiel
zu mühsam oder anstrengend, wird es dann auch schnell wieder verändert.
Bei einigen Hochstaplern dürfte auch eine Motivation bestehen, das System
von innen bloß zu stellen -also die Titelgläubigkeit, die Beschränktheit
der Menschenkenntnis bei Leitenden Direktoren, die Inkompetenz von Behörden
möglichst öffentlich bloß zu stellen. Keine Frage, dass dies auch
eine innere Befriedigung gibt, hiervon nährt sich ua. der Enthüllungsjournalismus,
nur ist der Hochstapler eben kein Weltverbesserer oder Humanist von Herzen. Insofern
haben solche pseudoaufklärerischen Selbstdarstellungen wie die von G. Postel
auch etwas im nach hinein Erfundenes und Aufgesetztes. Bei mehreren Männern
ging es zentral auch um sexuelle Motive, also um den geplanten Mißbrauch
von Patientinnen und auch Patienten. Diese fallen i.d. R. aber sehr schnell auf
und werden dann angezeigt. So etwa ein 56 j Franzose, der als falscher Arzt mehrere
Männer belästigte und vom Gericht in Nevers/Burgund 2003 zu 4 J Haft
verurteilt wurde. Finanzielle Motive bestehen natürlich auch, und in
Einzelfällen haben die Hochstapler Ärzte über Jahre erhebliche
Summen verdient, die sie nach der Enttarnung und Verurteilung dann zurückzahlen
müssen. Bezeichnend für die Dreistigkeit, die Hochstapler aufweisen,
ist die Tatsache, dass sie diese Rückzahlung der immerhin unter Falschangaben
zustande gekommenen Lohnzahlungen per Rechtsweg noch zu verhindern versuchen!!
Statt Ruhe zu geben und zu akzeptieren, dass ihre Gaunerei aufgeflogen ist. In
einem Fall, klagte ein angeblicher Gynäkologe, der in München viele
Jahre in der Uniklinik der TU München gearbeitet hatte, bis zum Bundesarbeitsgericht.
Sein Argumentation dafür sein Gehalt behalten zu dürfen es sei auf Grund
langjähriger Beschäftigung eine sog. Faktisches Arbeitsverhältnis
entstanden, ungeachtet der arglistigen Täuschung des Arbeitgebers. Das BAG
verurteilte ihn trotzdem zur Rückzahlung der Arbeitsvergütung(BAG 5
AZR 592/03).
nach
oben IV Eigenschaften der Hochstapler Die psychische
Grundausstattung eines Hochstaplers ist gekennzeichnet durch: Dreistigkeit gepaart
mit Schlagfertigkeit, soziales Geschick insbesondere beim Lügen, sowie überdurchschnittliche
Fähigkeiten in der Manipulation von Menschen. Der im Film "Catch me
if you can" portraitierte Frank Abagnale antwortete auf die Frage- wie er
es fünf Jahre geschafft hatte als Pan Am Pilot, Oberarzt und Anwalt durchzukommen,
ohne die nötigen Qualifikationen: " Dreistigkeit- pure Dreistigkeit."
Diese ist so unglaublich, dass normale Menschen eher glauben, die Person vor ihnen
sei im Recht und sie selbst hätten sich geirrt, als so tolldreiste Lügen
für möglich zu halten. Als ein FBI Beamter eine "Gemeinschaftspraxis"
von drei Personen nach 5 jährigem Bestehen in Washington schließen
wollte - die angeblichen Ärzte waren lediglich Mechaniker - erwirkten diese
eine richterliche Verfügung, die ihnen gestattete bis zum endgültigen
Urteil in der Hauptverhandlung weiter zu praktizieren. (Lit). Auf so etwas muß
man erst mal kommen! Lügen und Fälschen gehört dazu, denn ohne
eine "getürkte Approbation" bekäme ja niemand eine Stelle.
Die Methoden dabei sind teilweise geschickt, so dass Original und Fälschung
schwer auseinander zuhalten sind. In einem Falle in den USA schickte ein Hochstapler,
der in die Identität eines Arztes schlüpfen wollte, eine falsche eidesstattliche
Erklärung an die medizinische Universität, und bekam eine echte Kopie
der Abgangsurkunde zugeschickt. Natürlich kann ein geschickter Fälscher
diese auch von Hand kopieren, wie zB. Dr. Wilbur in dem oskarprämierten Film
"Gottes Werk und Teufels Beitrag". Im realen Leben hatte der Friseur,
der als Dr. über 20 Jahre in Bayern praktizierte, seine Urkunden gefälscht
und damit die bayrische Ministerialbürokratie düpiert. Ein mehrfach
vorbestrafter Betrüger, Robert Barnes, bewarb sich 1995 in Los Angeles als
Arzt. Er wurde mit einem hohen Gehalt eingestellt und untersuchte ca. 1 Jahr lang
viele FBI Beamten und beurteilte ihre Arbeitsfähigkeit! Die entsprechende
Klinik hatte gegenüber ihren Patienten geworben mit: "dem hocherfahrenen
ärztlichen Mitarbeiterstab". (Fernandez) Soziales Geschick haben
zwar nicht alle Ärzte aber sehr viele Hochstapler. Intuitiv erkennen sie,
wie der Patient, wie der Kollege oder Vorgesetzte am Geschicktesten zu manipulieren
ist, ob durch Drohung /Einschüchterung, durch Servilität, anbiedern
oder irgendeine andere Maske. Ich habe mit einem Kollegen gesprochen, der mit
einem damals noch nicht entdeckten Hochstapler beruflich zu tun hatte. Seine Aussage
"der war so überzeugend, im Traum wäre ich nicht auf die Idee gekommen,
den für falsch zu halten". G. Postel macht in seinem Buch "Doktorspiele"
detaillierte Aussagen dazu, wie er sich auf Vorstellungsgespräche vorbereitete,
wie er Farbskala, Kleidung, Auto, Stimme, Selbstaussagen auf maximale Wirkung
hin optimierte. Diese Stimmigkeit bis in die Nuancen hinzukriegen ist Teil der
erfolgreichen Maskierung, die ja ähnlich auch im Theater oder bei V- Männern
der Polizei bzw. im Geheimdienst gebraucht wird.
nach
oben V Wenn der Schein zerbricht- Folgen für Hochstapler
und Betroffene
Ob nun nach wenigen Tagen oder erst nach zwanzig Jahren,
irgendwann reißt das Netz der Täuschung und der vermeintliche Herr
Dr. wird als Hochstapler enttarnt. Es ist spannend, wie vielfältig das Leben
hier spielt. Da verliert der eine sein Portemonnaie, in dem ein Ausweis auf den
anderen Namen liegt. Beim anderen beschwert sich ein Patient und fragt bei der
Ärztekammer nach, wie bei dem Mann der in Rom 20 J lang operiert hatte. Beim
Dritten taucht zufällig ein Bekannter aus einer anderen Lebensphase auf und
ist irritiert über den Rollenwandel. Beim vierten erkennt eine Richterin
den angeblichen leitenden Arzt erkennt. Was passiert dann? Manche Hochstapler
tauchen ab, bevor die Polizei kommt, wie etwa Gerd Postel. Bei anderen steht plötzlich
und unerwartet die Polizei in der Praxis und verhaftet den Doktor, wie bei dem
Friseur in Traunstein. Nicht selten gelingt es Hochstaplern durch Drohung, gespielte
Empörung o.ä noch etwas Zeit zu bekommen, um einen Abgang zu inszenieren,
etwa bei den 3 Automechanikern, die eine einstweilige Verfügung erwirkten.
Andere werden verhaftet, bestraft, ziehen um, legen sich einen anderen Namen zu
und beginnen die Scheinexistenz erneut. Nur in einem Fall wurde berichtet, dass
sich ein falscher Arzt selbst richtete, in Form eines erweiterten Suizides mit
dem Flugzeug. (Burger) In einem Weiteren aber nicht vollständig belegten
Geschehen gab sich ein französischer Mann jahrelang als Arzt der WHO aus
und tötete seine gesamte Familie und sich, als alles herauszukommen drohte
(Carrere). Die juristischen Folgen der Hochstapelei sind teilweise gering,
es gibt oft Fälle einfacher Verwarnung, Bewährungsstrafen, z.T. kurze
Haftstrafen. Im Falle von Surgeon Lieutnant Joseph Cyr, dem falschen Marinearzt
an Bord eines Zerstörers verzichtete die Royal Canadian Navy auf eine Anklage,
die ganze Sache war ihr zu peinlich. Bei Wiederholungs- tätern und größerem
Schaden sprechen Richter auch schon mal Urteile über 3 Jahre Haft aus. (vgl
Tabelle I, rote Zahlen ). In einem amerikanischen Fall hatte ein Hochstapler mehrere
Jahre in einer Kleinstadt gearbeitet. Er wurde verhaftet und vor ein Geschworenen
- Gericht am Praxisort gestellt. Viele Geschworenen waren seine ehemaligen Patienten.
Sie sprachen ihn trotz eindeutiger Faktenlage frei. Daraufhin verlegte der Staatsanwalt
die Berufungsverhandlung in einen anderen Bezirk. Diesmal reisten so viele ehemalige
Patienten an, dass der Hochstapler erneut frei gesprochen wurde. In der Öffentlichkeit
liegen die Sympathien oft auf Seiten des Täters, die betroffenen Opfer, müssen
zu dem Schaden auch noch den Spott ertragen. Die Verantwortlichen sehen sich schweren
Vorwürfen ausgesetzt, der Name einer Klinik, eines Chefarztes geht unrühmlich
durch die Medien, das ist wahrlich eine doppelte Bestrafung. Es können weitere
Folgen kommen. Die Baseler Schwerpunktpraxis, in der Hochstapler arbeitete, war
auserkoren, eine umfangreiche Stufe 3 Pharmastudie zur Therapie mit Heroin in
Tablettenform durchzuführen. Der schon Studienvertrag war praktisch unterschriftsreif.
Nachdem bekannt wurde, dass in der Praxis ein falscher Arzt tätig war, wurde
umgeplant, es kam zu gewaltigen Verzögerungen. Bei nachfolgenden Bewerbungen
um weitere Forschungsmittel, wurde die Praxis nicht mehr berücksichtigt.
Ärzte, deren Namen von einem Hochstapler fälschlicherweise benutzt werden,
verlieren ihren guten Ruf, müssen sich gegen falsche Haftung wehren etwa
für teure Anschaffungen, bestellt vom Hochstapler, der ihre Identität
"geklaut" hatte. Ihre Versicherungsprämien steigen, ihre Kredite
werden von der Bank gekündigt, kurz eine Menge an juristischer Scherereien.
Beim falschen Notarzt aus Erftstadt mussten seine ehemalige Prüflinge alle
wieder antreten und die Prüfung wiederholen, subjektiv sicher auch eine Härte. Und
Patienten/innen- werden die auch geschädigt? Erstaunlicherweise viel seltener
als man denkt. Bei Frank Abagnale, dem falschen Oberarzt der Pädiatrie, starb
fast ein Baby gestorben, weil er mit dem Ausdruck " blue Baby" also
"hypoxisches Baby" nichts anzufangen wusste. Auch all die Patienten
und Patientinnen, die von Hochstaplern sexuell ausgenutzt bzw. belästigt
werden, nehmen Schaden. Nicht bekannt ist mir, wie die Begutachteten in den Sozialgerichtsverfahren
von Gerd Postel gelitten haben. Es gibt Behauptungen, dass keine einzige der falschen
Expertisen zurückgewiesen oder angefochten wurden. (Luchmann) Wurden diese
Prozesse neu aufgerollt? Mußten sie die ganzen Gutachtenprozeduren erneut
über sich ergehen lassen? Ein gewisser Trost mag darin liegen, dass zumindest
in Deutschland die erschwindelten Finanzen von Hochstaplern zurückgezahlt
werden müssen- soweit ihnen das möglich ist, etwa aus den Tantiemen
für Bücher, die sie geschrieben haben zB. G. Postel, mit ca. 120.000€
Rückforderung. Dies schafft wenigstens eine gewisse Gerechtigkeit. Von weiteren
Täter Opfer Ausgleichen ist mir nichts bekannt geworden.
nach
oben VI Stellen Hochstapler die Medizin in Frage?
Erschleicht
sich ein Hochstapler Dienstleistungen im Hotel, entsteht meist nur finanzieller
Schaden. Arbeitet er aber jahrelang unerkannt als Arzt, wird in den Medien gleich
die ganze Zunft in Frage gestellt. Die beiden am häufigsten geäußerten
Gedanken sind dann: a) wenn ein medizinisch unerfahrener Mensch einfach so
den Doktor mimt ohne aufzufallen, dann ist die Medizin womöglich kein
so hoch qualifizierter Beruf, wie immer behauptet wird. b) wer als Mediziner
einen Hochstapler nicht von einem approbierten Arzt unterscheiden kann, ist
selber punktuell inkompetent. So pointiert formuliert sind beide Behauptungen
zunächst falsch; und zugleich liegt auch ein Kern von Wahrheit darin. Schauen
wir im einzelnen hin. ad a) Die meisten Menschen, also Ärzte wie
Patienten nehmen bei einem Menschen primär die soziale Rolle und die Kommunikation
auf. Sind diese stimmig, so begegnen wir unserem Gegenüber nicht mit Misstrauen.
Hochstapler sind nun Menschen mit besonderer Begabung darin, diese soziale Rolle
oder Maske zu manipulieren. Täuschend echt können sie erscheinen und
machen uns dabei doch etwas vor. Insofern ist die erste Erklärung für
den Erfolg der Hochstapler ihr Geschick im Ausnutzen der unbewussten Vertrauenshaltung
vieler Menschen. Die zweite Ebene ist die der innerärztlichen Kommunikation.
Bemerken wir bei einem Kollegen mangelnde Fertigkeiten oder Sachkenntnis denken
wir eher " Na der weiß auch nicht alles" als " der kann auch
gar nichts", d.h. wir nehmen an hier handele es sich um eine punktuelle Schwäche,
wie sie keineswegs ungewöhnlich ist. Wollten wir jeden in Frage stellen,
bei dem wir Lücken erkennen, könnte die Medizin -wie jeder andere qualifizierte
Beruf- schwerlich bestehen. Jeder der Prüfungen abgenommen und Assistenten
ausgebildet hat weiß: Es gibt im Beruf nicht nur Einser Kandidaten, nein
die Mehrzahl ist leistungsmäßig im Durchschnitt, und eine nicht geringe
Zahl von Bewerbern hinterlässt gewisse Bedenken bezüglich der Eignung.
Dies ist bei Medizinern so, aber auch bei Juristen, Ingenieuren, Bankern, Lehrern,
Handwerkern, kurzum überall.Wollten wir es jedes Mal als Grund für eine
Sicherheitsüberprüfung nehmen, bliebe alles stehen. Die zweite Erklärung
für den Erfolg der Hochstapler ist also die Gewöhnung Vorgesetzter und
Kollegen daran, dass berufstätige Menschen Schwächen auch größeren
Ausmaßes haben. Meine Devise als leitender Arzt einer Klinik war: man bekommt
nicht immer die Mitarbeiter, von denen man träumt, sondern muß die
nehmen, die verfügbar sind. Drittens arbeiten Hochstapler meist in einem
Team- d.h. sie profitieren von den Kenntnissen der Fachleute um sie herum, oder
benutzen Vorlagen die von wirklichen Ärzten angefertigt wurden, wie Postel.
Die dritte Erklärung für den Erfolg von Hochstaplern ist die Kompetenz
des Teams, das viele Fehler erkennt und beseitigt, die der Hochstapler sonst beginge.
Die Tatsache, dass manche Menschen etwas schnell lernen, bedeutet nicht, dass
eine qualifizierte Ausbildung überflüssig ist. In jedem Beruf gibt es
Menschen, die schnell begreifen, aus Erfahrung lernen und nach und nach immer
besser werden. Es mag für den einen oder anderen kränkend sein es zuzugeben,
aber eine erfahrene Pflegekraft kann einem unerfahrenen Doktor sicher etwas vormachen.
Trotzdem ist die logische Konsequenz eben nicht, die Aussage zu generalisieren:
alle Krankenschwestern machen Ärzten etwas vor. Für die meisten von
uns gilt: komplexe Sachverhalte, Fertigkeiten Wissensgebiete zu lernen braucht
Zeit, Mühe und Geduld. Einige wenige Überflieger und Multitalente ändern
daran nichts. Auch wenn - und davon bin ich überzeugt- die vorgenannten
Erklärungen richtig sind, bleibt ein nicht erklärbarer Rest. So ganz
will es eben doch nicht einleuchten, dass ein Ungelernter 20 Jahre lang als Arzt
Erfolg hat. Vielleicht gibt es eine narzisstische Überhöhung des Berufsbildes
Arzt, vielleicht sind wir nicht so schlau, so fähig, so potent als Medicus,
wie wir gerne glauben wollen. Vielleicht heilt die Natur den Patienten mit und
ohne Begleitung durch einen Arzt -und trotzdem bleibe ich überzeugt von meinem
Beruf. Ich glaube eine Prise Selbstironie ist hilfreich, um diese Widersprüche
auszuhalten.
nach
oben ad b) Einen Hochstapler zu enttarnen ist schwierig.
Jeder kann getäuscht werden, unabhängig von Rang, Ausbildung und akademischer
Qualifikation, in allen Bereichen. In 2003 gab es in den Kreiskliniken Sigmaringen
einen falschen Klinik Direktor, er hatte sich zu Unrecht als Diplomingenieur ausgegeben.
In Italien vermochte ein selbsternannter Priester 17 Jahre lang Dienst in der
Gemeinde Alliste in Apulien tun. Bis zum Jahr 2000 hatte er Messen gehalten, Ehen
geschlossen, Beerdigungen durchgeführt etc. Er fiel letztlich auf, weil sein
Lebenswandel doch etwas locker war. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte sich am Amtsgericht
Berlin Mitte ein falscher Richter eingeschmuggelt. Er sprach in seiner langen
Hochstapler Karriere über 3000 Urteile (Gaserow). Zahllose weitere Belege
ließen sich anführen. Man blättere nur einmal im Personen Lexikon
der Hochstapler von Sponsel.
nach
oben VII Hochstapler Phenomen- eine Erkrankung bei Ärzten Erstmals
1978 wurde das Hochstapler Phänomen von Clance und Imes beschrieben (Clance).
Erkrankte Ärztinnen und Ärzte glauben, dass sie ihre guten Leistungsbeurteilungen
nur durch Täuschung anderer erlangt haben und früher oder später
als Schwindler enttarnt werden. Im Kontrast dazu steht die Fremdeinschätzung
durch andere. Die ständige Angst und Selbstunsicherheit ist eine erhebliche
Belastung für die betroffenen Kollegen/innen. Darüber hinaus besteht
eine hohe Korrelation zu Depression und Angstsymptome ( Oriel). Während gelegentliche
Gefühle von Überforderung bei den meisten Ärzten anzutreffen sind,
handelt es sich hier um ein zeitlich fortdauerndes, stark angstbesetztes Gefühl.
Die Behandlung besteht in antidepressiver Pharmako- und Psychotherapie. Insbesondere
bei schwer depressiven Ärzten habe ich diese Angst, als Schwindler enttarnt
zu werden, die Gewissheit alle Prüfungen unverdient bestanden zu haben mehrfach
gesehen. Hier sollte unbedingt ein psychiatrisch erfahrene/r Behandler/in aufgesucht
werden.
VIII Hochstapelei und die Gesundheitspolitik Je
mehr ich die Gesundheitspolitik verfolge, umso häufiger sehe ich Parallelen
zur Hochstapelei, zu Täuschung der anderen. Folgt man den politischen Parolen,
so werden die Gesundheitsleistungen immer besser, tatsächlich aber wird seit
Jahren intensiv abgebaut und rationiert. Überall wird von Qualitätssicherung
gesprochen, gleichzeitig werden fast überall unausgeschlafene und überarbeitete
Ärzte wissentlich eingesetzt. Täten dies die deutschen Spediteure, hagelte
es empfindliche Strafen. Chronikerprogramme zB. für Diabetes-Kranke werden
als Innovation hoch gelobt, tatsächlich arten sie in so umfangreicher Verwaltungsarbeit
aus, dass wichtige Ressourcen an Zeit und Kraft vernichtet werden. Skeptisch bin
ich auch bezüglich der versprochenen Verbesserung durch die e-Card. Nicht
nur, dass die angekündigte vollständige Datensicherheit reine Hochstapelei
ist, auch die in Aussicht gestellten Effizienzgewinne sehe ich nicht. Stattdessen
befürchte ich Mehrkosten für die EDV und höhere zeitliche Belastungen
für das ganze Praxisteam. Die politische Vorgabe innerhalb des jetzigen Systems
der gesetzlichen Krankenversicherung eine stabile Finanzsituation zu schaffen-
reine Utopie. Hat jemand den Mut und die Belege, dies aufzudecken, unterstellt
man ihm E er entwerfe ein "Horrorszenario". Was ich Hochstapelei der
Gesundheitspolitik nenne, beschreibt Prof. Beske diplomatischer "eine Wahrnehmung
in der Politik, die kaum nachvollziehbar ist" (Beske). Ich bin sicher,
ob in der Politik oder am Patientenbett wir werden auch in Zukunft noch einige
Hochstapeleien erleben. Für die Leser gilt passen Sie gut auf und wappnen
sie sich mit Humor. Anschrift des Verfassers: Dr. med. Bernhard Mäulen Institut
für Ärztegesundheit Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie 78050
Villingen Schwenningen Weitere Infos www.aerztegesundheit.de Filme
zum Thema: Catch me if you can Eine Couch in New York Gottes Werk
und Teufels Beitrag Wer ist Mr. Cutty?
nach
oben Literatur zu Hochstapler in Weiss: 1. Abagnale,
Frank ( 2000) Catch me if you can. Broadway Books 2. Beske, Fritz (2006) Wegschauen
hilft nicht. Ärztezeitung 26.1.2006 3. Burger, Jörg (2004) Gestatten,
Dr. Pawlik. Die Zeit 30/2004 4. Derbyshire, Robert (1980): The Make- Believe
Doctors. In The Health Robbers 5. Carrere, Emmanuel
( 2001) Amok. S. Fischer Verlag 6. Clance, P; Ines, S. (1978) The impostor
phenomenon in high achieving women. Psychotherapy
15, 241-247 7. Fernandez, Elisbeth (2001) Bizarre Medicale Masquerade- Con
man steals Stockton doctor's identity for 20 years.
Sfgate.com 8. Gaserow, Vera (1998) Früher war alles besser? Die Zeit,
Nr. 22 9. Lisson, Marion (2006) Junge Ärzte brauchen starke Nerven und viel
Geduld. Ärztezeitung 23.1.2006 10. Luchmann, Dieter (2001) Buchrezension
"Doktorspiele", in Psychotherapie
vom 10.09. 11. Oriel, Kathy (2004) Family Medicine residents and the Impostor
Phenomenon. Family Medicine 36, 248-252 12. Postel, Gert (2001) Doktorspiele-
Geständnisse eines Hochstaplers. 13. Roxin,Claus (1977) Karl May, das
Strafrecht und die Literatur. Vortrag vor der
juristischen Fakultät der Universität Bern 14. Seelen, Gottlieb (2001)
Psychologie der Selbsttäuschung: Hochstapler und
Betrüger als Ärzte. 8.10.2001 www.psychotherapie.de 15. Sponsel,
Rudolf ( ohne Jahr) Personenlexikon der Hochstapler, Schwindler-
und BetrügerInnen, Erlangen Bernhard
Mäulen |